Entstehung und Auswirkungen von “Legacy-Systemen”

Entstehung und Auswirkungen von “Legacy-Systemen”
Die Begriffe “Legacy-Systeme” und “historisch gewachsen” tauchen immer wieder in größeren Unternehmen auf. In diesem Blogbeitrag sollen mögliche Entstehungsszenarien von “Legacy-Systemen” beleuchtet werden. Außerdem möchten wir auf Probleme und Nebeneffekte derartiger Systeme eingehen.

Charakteristika von “Legacy\-Systemen”

Die Phrase “historisch gewachsen” wird in Unternehmen dann verwendet, wenn bestehende Systeme oder Prozesse eine unnötige Komplexität erreicht haben. Im IT-Umfeld charakterisiert die Redewendung Systeme, die einen deutlich höheren Funktionsumfang besitzen als ursprünglich geplant. Durch neue “dringende” Anforderungen wachsen Systeme oft unkontrolliert weiter. Dabei werden Schnittstellen zu anderen Systemen oft nicht klar abgesteckt und die Architektur wird unübersichtlicher.

Die Wartbarkeit leidet, wenn die Systemarchitektur nicht strukturiert weiterentwickelt, sondern durch immer neue Anbauten erweitert wird. Dadurch entsteht oft ein Teufelskreis, durch den Anpassungen an entsprechenden Systemen immer teurer und Auswirkungen von Änderungen schwieriger zu durchschauen sind. Die Barriere, entsprechende Systeme abzulösen, wird stetig höher, so dass oft die Entscheidung gefällt wird, das vorhandene System weiter bestehen zu lassen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die angesprochenen Anpassungen durch natürliche Unternehmensfluktuation über Jahre hinweg von verschiedenen Akteuren durchgeführt werden, so dass das im Laufe der Zeit das Know How über die Gesamtarchitektur schwindet oder gar nicht mehr vorhanden ist.

Systemlandschaft in einer Sackgasse

Befinden sich unternehmenskritische Systeme in einem Zustand, der Anpassungen schwierig erscheinen lässt, kann sich dort eine Abwärtsspirale entwickeln, die schwer aufzuhalten ist. Anpassungen werden teuer und Neuanforderungen oder Change Requests von Kunden können nur langsam oder gar nicht umgesetzt werden. Eine nicht mehr zeitgemäße IT-Architektur wird in der heutigen Zeit schnell zu einem entscheidenden Wettbewerbsnachteil.

Die aktuelle Suche der NASA nach Fortran- und Assembler-Entwicklern stellt hier ein anschauliches Beispiel dar. In diesem Szenario ist die Hardware selbstredend außerhalb des Einflussgebiets und lässt keinerlei Anpassungen mehr zu. In traditionellen Unternehmen befinden sich aber Hardware und Software in einer Reichweite, die Anpassungen zulässt. Dennoch driften Systeme immer weiter ab und Unternehmen suchen reihenweise Entwickler, um Technologien, die aus der Frühzeit der Informatik stammen, weiter zu betreiben. Beispiel: Cobol-Entwickler sind immer noch sehr gefragt und werden bestens bezahlt.

Dieses Phänomen findet sich in vielen Branchen wieder. Banken, Versicherungen oder Industrieunternehmen haben interne IT-Systeme, die mit veralteten Techniken umgesetzt sind. Generell lassen sich diese Systeme nicht grundsätzlich verurteilen. Ausgemerzte Kinderkrankheiten und viele Jahre Laufzeit können robuste, aber gleichzeitig schwer wartbare Systeme zur Folge haben.

Auswirkungen

Eine häufige Folge des Einsatzes veralteter Technologien bei "Legacy-Systemen" sind nicht nur mögliche Sicherheitslücken, sondern durch die geringe Flexibiliät vor allem die Entstehung von "Schatten-IT". Der Begriff “Schatten-IT” bezeichnet Software, die ohne Kenntnis der verantwortlichen IT-Abteilung im Unternehmen eingeführt wurde. Angestellte versuchen lange Wartezeiten auf Features zu umgehen und entwickeln “eigene” Lösungen (Beispiel: komplexe Excel-Lösungen oder Access-Datenbanken) oder nutzen ungenehmigt “Software as a Service”-Lösungen.

Nachteile dieser “Schatten-IT” sind:

  • Die IT hat keine Kontrolle über diese “Systeme” und kann diese auch bei technologischen Ablösungen nicht berücksichtigen. Mögliche Sicherheitslücken werden häufig übersehen. (vgl.: tecchannel.de)
  • Nicht-unternehmensweite Daten können nicht für die Gesamtorganisation ausgewertet werden, so dass wertvolle Möglichkeiten zur Datenanalyse verloren gehen.

Aber auch zentrale Stammdaten sind oft nicht der gesamten Unternehmung zugänglich oder werden in mehrfacher Ausführung gehalten. Das geschieht häufig, wenn die Datenmodelle der “Legacy Systeme” nicht mehr dazu geeignet sind, alle Ausprägungen der Stammdaten (wie z.B. Produkte, Kunden, Lieferanten) zu persistieren. In der Vergangenheit war vielen Unternehmen die signifikante Bedeutung von Unternehmensstammdaten nicht bewusst. Diese stellen allerdings das Herzstück des Unternehmens dar. Mittlerweise wird der Begriff des Stammdatenmanagements (Master Data Management) in Unternehmen aber immer präsenter.

Die genannten Faktoren können dazu führen, dass die bestehende IT die Unternehmensprozesse bestimmt und nicht umgekehrt. Insbesondere Nicht-IT-Unternehmen sollten sich jedoch u.a. durch Prozess-Exzellenz von der Konkurrenz abheben. Dies ist allerdings kaum möglich, wenn sich die Prozesse in eine veraltete Systemlandschaft zwängen müssen.

Ablösung erwünscht \- IT als Enabler, statt als Verhinderer

Eine rechtzeitige Ablösung empfiehlt sich, um den beschriebenen Teufelskreis zu verhindern oder zu durchbrechen. Hat das abzulösende System bereits eine Komplexität erreicht, die eine “Big Bang”-Ablösung verhindert, so empfiehlt sich stattdessen ein schrittweises Vorgehen.

Dies kann z.B. erreicht werden durch die Verwendung des Strangler Patterns (siehe auch Blogbeitrag von Jan Bechstein) in Kombination mit einer Microservice-Architektur. Dabei kann eine Aufteilung der Anwendung in fachliche und funktionale Bestandteile die Entstehung eines neuen Monolithen verhindern und volle Flexibilität zur Umsetzung von IT-Anforderungen erreicht werden. Sind Schnittstellen und Architektur sauber aufgebaut, können einzelne Bestandteile des Gesamtsystems wesentlich einfacher ausgetauscht werden, da die Bausteine eine deutlich geringere Komplexität haben.

Fazit

“Legacy-Systeme”, die sich einem schwer wartbaren Zustand befinden, können negative Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb und die Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen haben. Schatten-IT, fehlendes Stammdaten-Management und nicht zu erfüllende Kundenanforderungen sind nur einige der Nachteile solcher Systeme.

Ausblick

Im demnächst erscheinenden Blogbeitrag “Ablösung von Cobol-basierten System” wird ein erster technischer Ansatz beschrieben, geeignete Schnittstellen in Altsystemen zu schaffen, um Bestandteile aus einem Monolithen herauszulösen. Damit wird ein Hilfsmittel zur Ablösung “historisch gewachsener” Systeme aufgezeigt. Der Fokus liegt auf dem technischen Datenaustausch zwischen Cobol- und Ruby-Systemen. Mit Hilfe dieses Datenaustausches kann das Strangler-Pattern Anwendung finden.

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